Der Fluch der Dividendenstrategie

Der Fluch der Dividendenstrategie

Der Begriff „Dividendenstrategie“ ist eine unglückliche Wortschöpfung, die instrumentalisiert wird und Massen von Anlegern in die Irre und Bevormundung führt. Insofern wundert es nicht, dass es im angelsächsischen Raum, wo die Aktienkultur älter und ausgeprägter als hierzulande ist, keine Entsprechung gibt. Es findet sich weder ein Eintrag zu „Dividend Strategy“ auf Wikipedia noch anderen einschlägigen Finanzseiten.

Inhaltlich betrachtet ist der Begriff „Dividendenstrategie“ nur ein Oberbegriff.  So vage, dass er ohne weitere Differenzierung kaum zu gebrauchen ist. Entlarvend auch, wie schwer sich die deutsche Wikipedia bei der Definition des Begriffs „Dividendenstrategie“ tut. Hier gehört Value Investing ebenso zur Dividendenstrategie wie der Ausschüttungsrhythmus der Aktie.

Doch trotz aller Defizite ist „die Dividendenstrategie“ beliebt, wie du beispielsweise an der Anzahl der monatlichen Suchanfragen auf Google erkennst:

Suchanfragen für den Begriff Dividendenstrategie

Monatliche Suchanfragen für den Begriff „Dividendenstrategie“ auf Google

Dividendenstrategie konkret: was gehört dazu?

Eine Strategie beschreibt den genauen Plan des eigenen Vorgehens. Der Begriff „Dividendenstrategie“ sagt jedoch lediglich aus, dass man in Dividendenaktien investiert und Aktien ohne Dividendenzahlung links liegen lässt. Mehr nicht. Für einen genauen Plan in Form einer Anlagestrategie ist das zu wenig. Bevor du sinnvoll in Dividendenaktien investieren kannst, musst du weitere Entscheidungen treffen:

  • Bevorzugst du Aktien mit hoher Anfangsdividende oder eher Aktien mit hoher Dividendensteigerung?
  • Kaufst du Aktien „für die Ewigkeit“ (Buy-And-Hold) oder ziehst du auch einen Verkauf in Betracht?
  • Spielt für dich die Bewertung der Aktie eine Rolle, beispielsweise im Rahmen einer antizyklischen Anlagestrategie?
Anhand der Dividendenrendite lassen sich Kauf- und Verkaufssignale generieren

Beispiel für eine antizyklische Dividendenstrategie. Kauf und Verkauf orientieren sich an der Dividendenrendite.

Darüber hinaus solltest du wie bei jeder anderen Anlagestrategie zusätzliche Fragen klären wie die Aufteilung nach Branche, Region, Währung, Aktie vs. ETF, etc.

Wann ist eine Aktie eine Dividenden-Aktie?

Wenn wir schon bei nebulösen Begriffen sind, nehmen wir gleich noch den Begriff der „Dividenden-Aktie“ hinzu. Schau dir diese Aktie mit seit Jahren dynamisch steigenden Dividenden an. Sieht nach einer tollen Dividenden-Aktie aus, oder?

Tencent Holdings Limited Dividendenhistorie

Tatsächlich haben nur wenige Anhänger einer Dividendenstrategie Tencent auf dem Schirm, weil die Dividendenrendite mit unter einem halben Prozent so niedrig ist. Doch wie viel Prozent Dividende muss eine Aktie ausschütten, um eine Dividenden-Aktie zu sein? Die Antwort hängt von deiner Dividendenstrategie ab und dabei insbesondere davon, ob du hohe Dividenden oder hohes Dividendenwachstum bevorzugst.

Sinnlose Diskussionen um „die Dividendenstrategie“

Im Internet finden sich Beiträge, in denen leidenschaftlich um Sinn und Unsinn „der Dividendenstrategie“ diskutiert wird. Dabei kranken die Diskussionen in der Regel daran, dass aufgrund der Unbestimmtheit des Begriffs jeder das darunter versteht, was seiner Sichtweise entspricht. Folglich reden die Parteien gern aneinander vorbei, was nicht selten in ideologischen Grabenkämpfen ausartet.

Gegner „der Dividendenstrategie“ verstehen darunter den Kauf von Aktien mit hoher Dividende, verweisen auf die langfristig niedrige Gesamtrendite einer solchen Anlagestrategie, unterstellen, dass dies ihren Diskussionspartnern nicht bewusst sei und bieten als Lösung des Problems in der Regel die Anlage in ETFs an.

Eine solche Argumentation findet sich beispielsweise bei Die Dividendenstrategie: der große Selbstbetrug, wo es heißt: „Die Rede ist von der Dividenden-Strategie und ihren verschiedenen Unterarten. Bei dieser Form des Investierens kaufen Anleger bevorzugt Aktien, die eine (möglichst hohe) Dividende ausschütten“.

Ähnliches im Artikel „Dividendenstrategien: Fakten und Fantasien“, wo es konkret um die Argumentation gegen eine Anlagestrategie in „Aktien mit besonders hoher oder besonders konsistenter Dividendenrendite“ geht. Und auch hier geht die Argumentation vom leicht beschränkten Anleger aus, der, anstatt direkt Aktien zu kaufen, besser mit ETFs bedient sei.

Kritik an der „Kritik an der Dividendenstrategie“

Nun habe ich nichts an ETFs auszusetzen, bin aber der Meinung, dass eine Diskussion auf einer sauberen Grundlage geführt werden sollte. Und dazu gehören auch klar definierte Begrifflichkeiten. Dem schwammigen Begriff „Dividendenstrategie“ fehlt die saubere Definition. Deshalb macht es aus meiner Sicht mehr Sinn, im Sinne des aufgeklärten Anlegers zunächst einmal klar definierte Begrifflichkeiten zu bestimmen, mit denen sich dann objektiver und für den Leser einfacher nachvollziehbar argumentieren lässt.

Video: Den Glaubensfragen zum Trotz – Die Dividendenstrategie lebt

Video: Den Glaubensfragen zum Trotz - Die Dividendenstrategie lebt

Video: Den Glaubensfragen zum Trotz – Die Dividendenstrategie lebt

Glücklicherweise müssen wir das Rad nicht neu erfinden. Stattdessen können wir uns an der englischen Begriffswelt orientieren, wo auf den schwammigen Begriff „der Dividendenstrategie“ zugunsten anderer Begriffe verzichtet wird.

„Dividendenstrategie“ auf Englisch

Am nächsten kommt dem Begriff „Dividendenstrategie“ das „dividend investing“. Dabei steht „dividend investing“ für die einzige Aussage, die der Begriff „Dividendenstrategie“ tatsächlich beschreibt: das Investieren in Dividendenaktien. Im Gegensatz zur „Dividendenstrategie“ gaukelt „dividend investing“ aber nicht vor, dass es sich um ein genaues Vorgehen handeln würde.

Für die Konkretisierung der eigenen Anlagestrategie wiederum stehen zusätzliche Begrifflichkeiten zur Verfügung, die im Deutschen (noch) keine verbreitete Verwendung kennen. So wird im Englischen explizit zwischen „Dividend Income“ und „Dividend Growth“ Investing unterschieden. Wer „dividend investing“ betreibt, kann sich so dank einer klaren Sprache viel einfacher bewusst für eines der beiden Lager entscheiden (hohe Anfangsdividende vs. hohes Dividendenwachstum).

Die Lösung: Aufklärung durch richtigen Sprachgebrauch

Anstatt die „Dividendenstrategie“ so zu interpretieren, wie es der eigenen Argumentation passt, wäre es sinnvoller, die passenden Begrifflichkeiten einzuführen.  Dies würde dem Anleger die Wahl der führ ihn passenden Anlagestrategie deutlich erleichtern. Denn letztlich ist man am besten beraten, sich für die Anlagestrategie zu entscheiden, die am besten zu den eigenen Neigungen und Lebensumständen passt. Und diese kennt der Autor einer Streitschrift wohl kaum so gut, wie jene, die er versucht zu bevormunden und in ETFs zu drängen.

Als Übersetzung für „dividend income“ bietet sich „Dividenden-Ertrag“ an, während „dividenden growth“ mit „Dividenden-Wachstum“ übersetzt werden kann. Diese Begrifflichkeiten werden auf Aktienfinder.Net und einigen anderen Seiten bereits verwendet.

Hohe Dividende oder hohes Dividendenwachstum? Es hängt von der Anlagedauer ab

Hohe Anfangsdividende oder Dividendenwachstum? Das ist die Frage!

Zugegebenermaßen fehlt bis zur eigenen Anlagestrategie noch etwas Feinschliff, doch bildet die Entscheidung für Dividendenaktien und in Folge für Dividendenwachstum oder Dividendenertrag ein solides Fundament für die ihre weitere Ausarbeitung an. Vergessen Sie aber bitte niemals den Fokus auf Unternehmen mit langfristig steigenden Gewinnen, da nur langfristig steigende Gewinne zu langfristig steigenden Kursen und Dividenden führen. Lediglich den Steigungswinkel bestimmen Sie.

Fazit: Wähle deine Dividendenstrategie

Eine Dividendenstrategie ist so persönlich wie du. Du entscheidest, was eine Dividenden-Aktie ist und welche davon in dein Depot gehören. In der Tabelle siehst du die bekanntesten Dividendenstrategien: Dividendenwachstum auf der einen und Dividendenertrag auf der anderen Seite. Welche Variante dir mehr zusagt, entscheidest du.

 Dividenden-ErtragDividenden-Wachstum
FokusDu erwartest sichere Dividenden, die möglichst auch in Krisenzeiten weiter steigen. Ihre Ansprüche an Kursgewinne hingegen sind moderat.Du gibst dich heute mit einer niedrigeren Dividende zufrieden, erwartest dafür aber hohe Dividendensteigerungen und auch Kursgewinne.
RisikoAm niedrigsten, da die Aktien ihre Krisenfestigkeit bereits bewiesen haben und die Aktien tendenziell günstiger bewertet sind.Etwas höher, da der Fokus hin zu hohen Steigerungsraten geht und die Aktien tendenziell höher bewertet sind.
RenditeNiedriger, weil die Wachstumsraten reifer Unternehmen oft nachlassen.Höher, da die Unternehmen Gewinn und Dividende überdurchschnittlich steigern.
Beispielaktien- 3M
- British American Tobacco
- Fielmann
- Black Rock
- Samsung Electronics
- Adidas
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