Die Berichtssaison sorgt regelmäßig für Überraschungen und Kurskapriolen. In diesem Format konzentrieren wir uns deshalb auf die Kursausschläge interessanter Aktien im Anschluss an die Earnings. Wir sagen, was passiert ist, interpretieren die Zahlen und bestimmen mit Hilfe des fairen Werts transparent und im Aktienfinder nachvollziehbar das Renditepotential der Aktie. Zum Auftakt haben wir uns zehn Unternehmen herausgesucht, die hauptsächlich in der KW 30 letzte Woche neue Zahlen berichtet haben.
Davon haben acht Unternehmen die Erwartungen erfüllt oder übertroffen und wurden oft dennoch von der Börse abgestraft. So übertraf Danaher die Erwartungen und erlebte als Reaktion den heftigsten Abverkauf seit 25 Jahren. Bei Intel verwandelte sich ein nachbörsliches Kursfeuerwerk von 13 Prozent bis zum Handelsschluss am Freitag in ein sattes Minus. Gefeiert wurden dagegen 3M für die rundum angehobene Jahresprognose und Philip Morris für die Rückkehr der Nikotinbeutel von ZYN auf den Wachstumspfad. Für Langfristanleger sind solche Kursausschläge eine Gelegenheit. Denn wo Qualitätsaktien für verschobene Lieferungen oder ein paar Zehntelprozent verfehltes Wachstum zweistellig abgestraft werden, entstehen Kaufkurse. Bei welchen Aktien genau, klären wir jetzt.
Die analysierten Aktien im Überblick
Hier alle 10 analysierten Aktien dieser Ausgabe auf einen Blick inklusive Kursreaktion, dem ermittelten Renditepotential Stand heute sowie unserem Urteil, ob die jeweilige Aktie als langfristiges Investment kaufenswert ist.
| Isin | Aktie | Land | Kursreaktion | Renditepotential | Empfehlung |
|---|---|---|---|---|---|
| US88160R1014 | Tesla | -16,3 % | 3,4 % p.a. bis Ende 2028 | Verkaufen | |
| US46120E6023 | Intuitive Surgical | -16,1 % | 14,7 % p.a. bis Ende 2028 | Kaufen | |
| US55354G1004 | MSCI | -11,9 % | 21,7 % p.a. bis Ende 2028 | Kaufen | |
| US7757111049 | Rollins | -11,3 % | 10,9 % p.a. bis Ende 2028 | Kaufen | |
| US4581401001 | Intel | -7,9 % | -2,7 % p.a. bis Ende 2029 | Verkaufen | |
| US02079K1079 | Alphabet | -6,7 % | 8,2 % p.a. bis Ende 2028 | Halten | |
| CH0038863350 | Nestlé | -6,4 % | 10,1 % p.a. bis Ende 2029 | Kaufen | |
| US2358511028 | Danaher | -4,8 % | 14,2 % p.a. bis Ende 2029 | Kaufen | |
| US7181721090 | Philip Morris International | +2,6 % | 9,5 % p.a. bis Ende 2029 | Kaufen | |
| US88579Y1010 | 3M | +8,5 % | 5,8 % p.a. bis Ende 2029 | Halten |
Die Earning Highlights dieser Ausgabe, sortiert nach Kursreaktion seit Vorlage der Zahlen (Stand Freitagsschluss, 24. Juli 2026).
Tesla – Margenprobleme
Tesla berichtete am Mittwoch die Zahlen zum zweiten Quartal und lieferte erneut ein zwiespältiges Bild. Dank Rekordauslieferungen von 480.126 Fahrzeugen kletterten die Umsätze um 26 Prozent auf 28,24 Milliarden US-Dollar und übertrafen die erwarteten 26,2 Milliarden deutlich. Beim bereinigten Gewinn je Aktie wurden aus erwarteten 0,51 US-Dollar jedoch nur 0,33 US-Dollar, während die operative Marge von 4,1 auf 1,4 Prozent schrumpfte. Die Gewinnbrücke zeigt die Ursache. Das gewachsene Geschäft steuerte rund 1,2 Milliarden US-Dollar zusätzlichen Bruttogewinn bei, dem 0,29 Milliarden weggefallene Erlöse aus CO2-Zertifikaten und vor allem 1,4 Milliarden an gestiegenen Betriebskosten für KI, Robotaxi und den Roboter Optimus gegenüberstanden.
Der Freie CashFlow rutschte wegen mehr als verdoppelter Investitionen erstmals seit Anfang 2024 mit 1,1 Milliarden US-Dollar ins Minus. Eine Absatzprognose blieb das Management erneut schuldig, bestätigte aber Investitionen von über 25 Milliarden US-Dollar für 2026, nachdem im Januar noch über 20 Milliarden angekündigt waren. Die Aktie verlor nachbörslich rund 4 Prozent, brach am Folgetag um weitere 14 Prozent ein und notiert am Ende der Börsenwoche 16,3 Prozent unter dem Kurs vor den Zahlen, womit sich das Minus seit Jahresbeginn auf gut 30 Prozent summiert.
Tesla verdient sein Geld längst nicht mehr nur mit Elektroautos. Das Speichergeschäft wuchs mit 13,5 ausgelieferten Gigawattstunden um 41 Prozent, die Software für autonomes Fahren, FSD, zählt inzwischen 1,48 Millionen Abonnenten, und der Robotaxi-Dienst fährt in sieben US-Metropolregionen, seit Juli in Miami, Orlando und Tampa komplett ohne Sicherheitsfahrer. Nur schlägt sich davon bislang wenig im Gewinn nieder. Der Qualitätscheck zeigt seit 2023 fallende Gewinne je Aktie bei einer Gewinnstabilität von mageren 0,47, und die erhoffte Gewinnexplosion ab 2028 steht und fällt mit dem Erfolg von Robotaxi und Optimus. Als Langfristinvestment bleibt Tesla damit eine Wette auf die KI-Zukunft und kein Fall für Anleger, die planbare Gewinne schätzen.
Bei der Bewertung stützen wir uns auf den operativen CashFlow, denn der ausgewiesene Gewinn ist durch die Anlaufkosten für Robotaxi und Optimus so stark gedrückt, dass das bereinigte KGV von 178 keine sinnvolle Aussage mehr erlaubt. Als faires KCV setzen wir den 10-Jahres-Schnitt von 54,5 an, was angesichts der vielen unbewiesenen KI-Hoffnungen bereits großzügig ist, und selbst darüber notiert die Aktie mit dem aktuell 58,8-fachen operativen CashFlow noch. Wächst der CashFlow wie erwartet, winken bis Ende 2028 lediglich rund 9 Prozent Rendite beziehungsweise 3,4 Prozent pro Jahr. Für dieses Chance-Risiko-Verhältnis ist uns die Wette zu teuer. Unsere Meinung: Verkaufen.
Intuitive Surgical – Neue Konkurrenz
Intuitive Surgical hatte seine Quartalszahlen bereits am Donnerstag vergangener Woche vorgelegt und beide Erwartungen übertroffen. Die Umsätze stiegen um 19 Prozent auf 2,89 Milliarden US-Dollar, erwartet waren 2,82 Milliarden, und der bereinigte Gewinn je Aktie legte um 28 Prozent auf 2,80 US-Dollar zu, während die Analysten nur 2,50 US-Dollar auf dem Zettel hatten. Dennoch stürzte die Aktie nachbörslich um fast 12 Prozent ab und schloss am Folgetag 13 Prozent tiefer auf dem niedrigsten Stand seit einem Jahr. Der Grund liegt im Kleingedruckten. In den USA wuchs die Zahl der Eingriffe nur noch um 12 Prozent nach 14 Prozent im Vorquartal, weil Abnehmspritzen die Zahl der Magenoperationen im hohen einstelligen Prozentbereich drückten und auslaufende Zuschüsse zur US-Krankenversicherung die Nachfrage bremsten. Zudem bestätigte das Management die Jahresprognose für das Prozedurenwachstum, also den Zuwachs der Zahl der mit den eigenen Robotern durchgeführten Eingriffe, von 13,5 bis 15,5 Prozent lediglich und verortete sie neuerdings näher an der Mitte, nachdem sie im April von ursprünglich 13 bis 15 Prozent angehoben worden war. Dass die US-Aufsicht FDA am Mittwoch auch noch den Konkurrenzroboter Ottava von Johnson & Johnson für die Allgemeinchirurgie zuließ, drückte den Kurs zusätzlich. Bis zum Freitagsschluss summiert sich das Minus seit Vorlage der Zahlen auf 16,1 Prozent, seit Jahresbeginn auf rund 40 Prozent.
Intuitive Surgical ist mit dem Operationsroboter da Vinci der dominierende Anbieter roboterassistierter Chirurgie. Weltweit stehen 11.710 Systeme in den Kliniken, und weil rund drei Viertel der Umsätze auf Instrumente und Zubehör entfallen, die nur für eine begrenzte Zahl von Eingriffen zugelassen sind und deshalb von den Kliniken laufend nachgekauft werden müssen, verdient das Unternehmen an jeder einzelnen Operation mit. Dazu kommen jährliche Wartungsverträge für die installierten Systeme, eine gesonderte Servicegebühr je Operation gibt es dagegen nicht. Der Qualitätscheck bescheinigt seit zwei Jahrzehnten stabil zweistellig wachsende Gewinne bei einer Gewinnstabilität von 0,91, dazu kommt eine schuldenfreie Bilanz. An der Qualität hat sich also wenig geändert, wohl aber am Preis.
Für die Bewertung ziehen wir den bereinigten Gewinn heran und senken das faire KGV bewusst auf 35, obwohl die Börse über die vergangenen zehn Jahre im Schnitt deutlich höhere Multiples bezahlt hat. Damit tragen wir der neuen Roboterkonkurrenz und dem langsameren US-Wachstum Rechnung. Selbst auf dieser vorsichtigen Basis winken bis Ende 2028 rund 40 Prozent Rendite beziehungsweise 14,7 Prozent pro Jahr, sofern der Gewinn wie erwartet zweistellig wächst. Für ein Unternehmen dieser Qualität ist das ein attraktiver Preis. Unsere Meinung: Kaufen.
MSCI – Index hui, ESG pfui!
MSCI präsentierte die Ergebnisse des zweiten Quartals am Dienstag vor US-Börseneröffnung und traf die Erwartungen nahezu punktgenau. Die Umsätze stiegen um 12,2 Prozent auf 867 Millionen US-Dollar, prognostiziert waren 869 Millionen, und der bereinigte Gewinn je Aktie legte um 18,5 Prozent auf 4,94 US-Dollar zu, nur drei Cent unter den erwarteten 4,97 US-Dollar. Für ein Kursbeben taugen solche Abweichungen eigentlich nicht, dennoch verlor die Aktie am Berichtstag fast 10 Prozent, und bis zum Freitagsschluss fehlen 11,9 Prozent, womit das Jahresplus von zuvor knapp 10 Prozent in ein Minus von rund 4 Prozent gedreht ist. Die Börse störte sich an der angehobenen Kostenprognose, die wegen der 120 Millionen US-Dollar teuren Übernahme des Klimarisiko-Spezialisten First Street und höherer Vergütungen von zuvor 1,49 bis 1,53 auf nun 1,535 bis 1,575 Milliarden US-Dollar stieg. Dazu kommt eine unbequeme Schieflage, denn das Indexgeschäft wuchs um 17,5 Prozent und lieferte das gesamte Ergebniswachstum, während Analytics, ESG und Private Assets nur einstellig zulegten und das ESG-Geschäft laut Management die nächsten zwei Quartale bestenfalls stagnieren dürfte.
MSCI lizenziert Aktienindizes wie den MSCI World an ETF-Anbieter, die dafür Gebühren auf das verwaltete Vermögen von inzwischen 2,8 Billionen US-Dollar zahlen, und verkauft dazu Risikosoftware, ESG-Ratings und Privatmarktdaten im Abo. Rund 97 Prozent der Erlöse kehren Jahr für Jahr wieder, und 95,3 Prozent der Abonnenten verlängerten zuletzt ihre Verträge. Der Qualitätscheck spiegelt dieses Geschäftsmodell mit über zehn Jahre um gut 21 Prozent jährlich gewachsenen Gewinnen bei einer Gewinnstabilität von 0,93 und einer seit elf Jahren steigenden Dividende wider. Am langfristigen Qualitätsurteil ändert dieses Quartal nichts.
In der Dynamischen Aktienbewertung belassen wir das faire KGV auf dem 10-Jahres-Schnitt von 33,9, denn an der Preissetzungsmacht des Indexgeschäfts hat sich nichts geändert. Aktuell wird die Aktie nur noch mit dem 29,6-fachen bereinigten Gewinn bezahlt und notiert damit klar unter ihrer eigenen Historie. Wächst der Gewinn wie von den Analysten erwartet weiter zweistellig, winken bis Ende 2028 gut 61 Prozent Rendite beziehungsweise 21,7 Prozent pro Jahr. So günstig war MSCI seit Jahren nicht, weshalb wir den Kursrutsch als Kaufchance werten. Unsere Meinung lautet dementsprechend: Kaufen.
Rollins – Privataufträge enttäuschen
Rollins veröffentlichte seine Quartalszahlen am Mittwoch nach US-Börsenschluss und verfehlte die Gewinnerwartungen zum dritten Mal in Folge. Die Umsätze stiegen zwar um 7,9 Prozent auf 1,08 Milliarden US-Dollar und damit im 99. Quartal in Serie, blieben aber knapp unter den prognostizierten 1,09 Milliarden. Beim bereinigten Gewinn je Aktie standen 0,32 US-Dollar statt der erwarteten 0,34 US-Dollar zu Buche. Organisch wuchs das Geschäft lediglich um 5,7 Prozent, weil das Privatkundengeschäft mit 3,6 Prozent enttäuschte und weniger Einmalaufträge gegen Mücken und Nager hereinkamen. Gleichzeitig drückten um 70 Basispunkte gestiegene Personalkosten und ein teurerer Fuhrpark die operative Marge um 110 Basispunkte auf 18,7 Prozent. Das Management senkte die Prognose für das organische Wachstum 2026 daraufhin von zuvor 7 bis 8 Prozent auf mindestens 6 Prozent. Die Aktie gab nachbörslich rund 8 Prozent nach und schloss am Folgetag gut 9 Prozent im Minus auf einem 52-Wochen-Tief, womit bis zum Freitagsschluss 11,3 Prozent Kursverlust seit den Zahlen aufgelaufen sind und sich das Minus seit Jahresbeginn auf mehr als ein Drittel ausweitet.
Rollins zählt mit Marken wie Orkin zu den größten Schädlingsbekämpfern der Welt und lebt von wiederkehrenden Serviceverträgen mit Hausbesitzern, Restaurants, Hotels und Lebensmittelbetrieben, die rund 80 Prozent der Umsätze ausmachen und wegen der Hygienevorschriften auch in Krisen kaum gekündigt werden. Der Qualitätscheck honoriert das mit einer Gewinnstabilität von 0,97, über zehn Jahre um 13,7 Prozent jährlich gewachsenen Gewinnen und einer verlässlich steigenden Dividende. Die Wachstumsserie ist also intakt, sie läuft nur langsamer, als es die Börse lange bezahlt hat, denn selbst nach dem Kurssturz kostet die Aktie noch das 34-fache des bereinigten Gewinns.
Beim fairen KGV gehen wir auf Nummer sicher und senken es vom 10-Jahres-Schnitt auf 33,5 und damit exakt auf das aktuelle Niveau, denn die Zeiten, in denen die Börse jedes Wachstumstempo von Rollins mit Premiumaufschlägen belohnte, dürften vorerst vorbei sein. Die Rendite muss dann allein aus Gewinnwachstum und Dividende kommen. Wächst der Gewinn wie erwartet um rund 10 Prozent jährlich, winken bis Ende 2028 knapp 29 Prozent Rendite beziehungsweise 10,9 Prozent pro Jahr inklusive der Dividende in Höhe von 2,3 Prozent. Unsere Meinung: Kaufen.
Intel – Zu viele Vorschusslorbeeren
Intel meldete sich am Donnerstag nach US-Börsenschluss mit dem stärksten Umsatzwachstum seit über 15 Jahren zurück. Die Erlöse sprangen um 25 Prozent auf 16,13 Milliarden US-Dollar und ließen die erwarteten 14,4 Milliarden weit hinter sich, während der bereinigte Gewinn je Aktie mit 0,42 US-Dollar die prognostizierten 0,21 US-Dollar glatt verdoppelte. Unterm Strich steht zwar ein Verlust von 11 Milliarden US-Dollar, der geht aber allein auf eine nicht zahlungswirksame Neubewertung von 12,5 Milliarden auf jene Aktien zurück, die Intel treuhänderisch für die seit 2025 mit knapp 10 Prozent beteiligte US-Regierung hält, und fällt paradoxerweise umso höher aus, je stärker der Kurs steigt. Getragen wurde das Quartal vom Rechenzentrumsgeschäft, in dem Intel Xeon-Serverprozessoren und zunehmend maßgeschneiderte KI-Chips an Cloud-Anbieter verkauft und das dank langfristiger Lieferverträge um 59 Prozent auf 6,26 Milliarden US-Dollar wuchs. Die Auftragsfertigung setzte 5,8 Milliarden US-Dollar um, wovon der Löwenanteil auf intern verrechnete Produktion für Intels eigene Chips entfällt, während externe Kunden erst 293 Millionen beisteuerten, und schrieb weiterhin 2,1 Milliarden Verlust. Für das dritte Quartal stellte das Management 15,8 bis 16,8 Milliarden US-Dollar Umsatz in Aussicht, der Markt hatte 15,1 Milliarden erwartet. Die Aktie sprang nachbörslich zunächst um bis zu 13 Prozent nach oben, doch am Freitag drehte die Stimmung, und zum Wochenschluss stand der Kurs 7,9 Prozent unter dem Niveau vor den Zahlen. Nach rund 150 Prozent Kursgewinn seit Jahresbeginn nahmen die Anleger selbst starke Zahlen zum Anlass, Gewinne mitzunehmen.
Ob aus dem Comeback ein Investment wird, entscheidet der Blick auf die lange Reihe. Der Qualitätscheck zeigt eine Dekade fallender Gewinne, einen tiefroten Verlust 2024 und eine Gewinnstabilität von praktisch null, dazu wurde die Dividende 2025 gestrichen. Die aktuelle Euphorie speist sich aus Vorschusslorbeeren für die neue Fertigungstechnik 18A, den Staatseinstieg und die Partnerschaft mit Nvidia. Verdient werden müssen diese Vorschusslorbeeren mit Gewinnen, die es in nennenswerter Höhe erst ab 2027 geben soll. Intel bleibt damit ein Turnaround für Spekulanten und kein Fundament für ein Langfristdepot.
Für die Bewertung erhöhen wir das faire KGV auf 20 und damit über den Schnitt der vergangenen zehn Jahre, um dem möglichen Comeback als KI- und Foundry-Konzern Rechnung zu tragen. Es hilft nichts. Weil die Aktie nach der Kursrally mit dem 153-fachen bereinigten Gewinn bezahlt wird, bleibt selbst dann bis Ende 2029 ein Minus von rund 9 Prozent beziehungsweise 2,7 Prozent pro Jahr, sofern die Gewinne überhaupt wie erhofft anspringen. Die Kursfantasie ist den erwartbaren Gewinnen schlicht davongelaufen. Unsere Meinung: Verkaufen.
Alphabet – Noch höhere Investitionen
Auch Alphabet legte am Mittwoch Zahlen vor und meldete mit 112 Milliarden US-Dollar den höchsten Quartalsgewinn, den ein börsennotiertes Unternehmen je ausgewiesen hat. Die Umsätze stiegen um 24 Prozent auf 119,8 Milliarden US-Dollar und übertrafen die erwarteten 117 Milliarden, angetrieben von der Google Cloud, die um 82 Prozent auf 24,8 Milliarden zulegte, und einem um 17 Prozent gewachsenen Suchgeschäft. Der ausgewiesene Gewinn von 9,11 US-Dollar je Aktie stellt die erwarteten 2,88 US-Dollar scheinbar weit in den Schatten, doch 6,26 US-Dollar davon stammen aus unrealisierten Bewertungsgewinnen von 99 Milliarden US-Dollar auf Beteiligungen, allen voran SpaceX nach dessen Börsengang im Juni sowie Anthropic, dessen Bewertung im Quartal von 350 auf 965 Milliarden US-Dollar sprang. Operativ lag der Gewinn damit lediglich im Rahmen der Erwartungen. Verstimmt hat die Anleger die abermals erhöhte Investitionsprognose, die für 2026 von zuvor 180 bis 190 auf 195 bis 205 Milliarden US-Dollar stieg und den Freien CashFlow erstmals in der Börsengeschichte des Konzerns ins Minus drückte. Die Aktie drehte noch während der Telefonkonferenz ins Minus, schloss am Folgetag 7 Prozent tiefer und beendete die Woche, zusätzlich belastet von einer frischen EU-Strafe über 1 Milliarde US-Dollar, 6,7 Prozent unter dem Kurs vor den Zahlen. Seit Jahresbeginn bleibt ein Plus von knapp 2 Prozent.
Sein Geld verdient Alphabet weiterhin vor allem mit Werbung, für die Werbetreibende zahlen, damit Nutzer der Google-Suche und von YouTube ihre Anzeigen sehen. Daneben wachsen Cloud und Abos rasant, und der Auftragsbestand der Cloud von 514 Milliarden US-Dollar reicht rechnerisch für Jahre. Der Qualitätscheck weist über zehn Jahre um 25 Prozent jährlich gestiegene Gewinne bei hoher Stabilität aus, und der operative CashFlow soll laut den Analystenschätzungen weiter mit über 20 Prozent pro Jahr zulegen. Kurzfristig verhagelt die Investitionswut die CashFlow-Rechnung, an der Ertragskraft des Kerngeschäfts ändert sie nichts.
Bei der Bewertung setzen wir auf den bereinigten Gewinn, der die milliardenschweren Buchgewinne auf SpaceX und Anthropic ausklammert, und belassen das faire KGV auf dem 10-Jahres-Schnitt von 19,6. Aktuell zahlt die Börse mit dem 21,2-fachen bereinigten Gewinn einen leichten Aufschlag. Wächst der Gewinn wie erwartet, winken bis Ende 2028 rund 21 Prozent Rendite beziehungsweise 8,2 Prozent pro Jahr. Das ist ordentlich, angesichts der Investitionsrisiken für uns aber kein Grund zum Aufstocken. Unsere Meinung: Halten.
Nestlé – Endlich wieder Volumentwachstum
Nestlé folgte am Donnerstag mit den Halbjahreszahlen und lieferte operativ ab, was die Analysten verlangten. Das organische Wachstum zog im zweiten Quartal auf 3,7 Prozent an und übertraf die erwarteten 3,6 Prozent leicht, wobei mit 1,8 Prozent endlich wieder mehr Menge und nicht nur höhere Preise dahinterstand. Wegen des starken Frankens, der 6,2 Prozentpunkte kostete, sanken die ausgewiesenen Umsätze dennoch um 2,5 Prozent auf 43,1 Milliarden Schweizer Franken. Der Reingewinn brach sogar um 31 Prozent auf 3,5 Milliarden Franken ein, was vor allem an einer Wertberichtigung von 1,3 Milliarden Franken auf das Wassergeschäft lag, das mitsamt Perrier und S.Pellegrino in ein Gemeinschaftsunternehmen mit dem Finanzinvestor Platinum Equity wandert. Die Wachstumsprognose hob das Management von zuvor rund 3 Prozent auf 3 bis 4 Prozent an, stellte für das zweite Halbjahr aber nur eine operative Marge auf dem Niveau der 16,4 Prozent des ersten Halbjahres in Aussicht. Der Börse reichte das nicht. Die Aktie stürzte am Donnerstag vom frisch markierten 52-Wochen-Hoch um rund 8 Prozent ab, einer ihrer schwärzesten Handelstage seit 25 Jahren. Trotz leichter Erholung am Freitag bleibt zum Wochenschluss ein Minus von 6,4 Prozent seit der Zahlenvorlage, seit Jahresbeginn rettet die Aktie ein kleines Plus.
Mit Nescafé, KitKat und dem Tierfutter von Purina steht Nestlé wie kaum ein zweiter Konzern für defensive Basiskonsumgüter, doch der Qualitätscheck erzählt von verlorenen Jahren. Über zehn Jahre wuchs der Gewinn je Aktie nur um rund 3 Prozent jährlich, zuletzt stagnierte er, und auch die Prognosen versprechen kaum mehr als 1 Prozent Zuwachs pro Jahr. Immerhin fließt die seit 30 Jahren steigende Dividende mit einer Rendite von 3,9 Prozent zuverlässig und ist mit rund 70 Prozent des Gewinns ausreichend gedeckt. Der neue Konzernchef Philipp Navratil räumt mit Stellenabbau und Portfolioverkäufen auf, ein Wachstumsunternehmen wird aus Nestlé aber so schnell nicht mehr.
Das faire KGV senken wir leicht unter den historischen Schnitt auf 19, denn ein wachstumsschwacher Konzern verdient keinen vollen Bewertungsaufschlag mehr. Weil die Aktie nach dem Kursrutsch nur noch mit dem 18,2-fachen bereinigten Gewinn bezahlt wird, winken dennoch bis Ende 2029 rund 39 Prozent Rendite beziehungsweise 10,1 Prozent pro Jahr, sofern der Gewinn wie erwartet moderat zulegt. Ein Teil der Rendite stammt von der Dividende in Höhe von derzeit 3,9 Prozent. Für einkommensorientierte Anleger ergibt das ein rundes Paket. Unsere Meinung: Kaufen.
Danaher – Der größte Abverkauf seit 25 Jahren
Danaher überraschte am Dienstag gleich doppelt. Zunächst übertrafen die Quartalszahlen mit 6,27 Milliarden US-Dollar Umsatz die erwarteten 6,10 Milliarden und mit einem bereinigten Gewinn von 1,94 US-Dollar je Aktie die prognostizierten 1,83 US-Dollar. Dann schickten die Anleger die Aktie dennoch um 13,5 Prozent in den Keller, den schlimmsten Handelstag seit rund 25 Jahren. Auslöser war die gesenkte Umsatzprognose, denn das Kernwachstum 2026 soll statt 3 bis 6 nur noch 3 bis 4 Prozent erreichen, während die Gewinnprognose von 8,35 bis 8,55 auf 8,45 bis 8,60 US-Dollar je Aktie sogar angehoben wurde. Hinter der Senkung stecken verschobene Großlieferungen von Chromatographie-Material für die Biotech-Produktion, von denen sich allein über 100 Millionen US-Dollar ins Jahr 2027 verlagern, obwohl der Auftragseingang im Bioprocessing zweistellig wächst. Dazu kommt im dritten Quartal ein Gegenwind von rund 250 Basispunkten aus rückläufigen Erlösen mit Atemwegstests. Offenbar zu viel Pessimismus, denn seither hat die Aktie den Großteil des Einbruchs wieder aufgeholt, sodass zum Freitagsschluss vom Kurssturz noch 4,8 Prozent übrig sind. Seit Jahresbeginn steht gleichwohl ein Minus von rund 16 Prozent.
Danaher beliefert die Biotech- und Pharmaindustrie über die Tochter Cytiva mit Filtration, Chromatographie und Verbrauchsmaterial für die Herstellung von Biologika und verkauft dazu Diagnostik von Cepheid und Beckman Coulter sowie seit Juni die für 9,9 Milliarden US-Dollar übernommene Patientenüberwachung von Masimo. Weil Reagenzien und Verbrauchsmaterial ständig nachgekauft werden, sind die Erlöse ähnlich planbar wie bei einem Abo-Modell. Der Qualitätscheck zeigt über zehn Jahre um gut 10 Prozent jährlich gewachsene Gewinne bei einer Gewinnstabilität von 0,91, auch wenn die Normalisierung nach der Corona-Sonderkonjunktur seit 2021 sichtbar nachwirkt. Die aktuelle Störung ist eher eine des Kalenders als eine des Geschäftsmodells.
In der Dynamischen Aktienbewertung belassen wir das faire KGV auf dem 10-Jahres-Schnitt von 26,4, denn am planbaren Geschäft mit Verbrauchsmaterial ändern verschobene Lieferungen nichts. Mit dem 23,8-fachen bereinigten Gewinn wird die Aktie derzeit klar darunter bewertet. Erholt sich der Gewinn wie erwartet, winken bis Ende 2029 rund 56 Prozent Rendite, beziehungsweise 14,2 Prozent pro Jahr. Wer auf die Rückkehr des Bioprocessing-Wachstums setzt, bekommt Qualität hier mit Rabatt. Unsere Meinung: Kaufen.
Philip Morris – ZYN wächst wieder
Philip Morris legte die Quartalszahlen am Mittwoch vor US-Börsenstart vor und überzeugte auf ganzer Linie. Die Umsätze stiegen gegenüber dem Vorjahresquartal um 10,4 Prozent auf 11,19 Milliarden US-Dollar und übertrafen die erwarteten 10,6 Milliarden um rund eine halbe Milliarde, der bereinigte Gewinn je Aktie kletterte um 15 Prozent auf 2,20 US-Dollar statt der prognostizierten 2,04 US-Dollar. Vor allem räumte der Konzern die Sorge aus, die im Juli 2025 einen Kurssturz von über 12 Prozent ausgelöst hatte, denn die Nikotinbeutel der Marke ZYN wuchsen in den USA mit 2,9 Milliarden verkauften Beuteln wieder um 1,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr und um 25 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Auch die Tabaksticks für den Erhitzer IQOS legten binnen Jahresfrist um 7,6 Prozent auf 41,8 Milliarden Stück zu, und selbst das Zigarettenvolumen wuchs mit 1,1 Prozent im Jahresvergleich überraschend. Die Gewinnprognose für 2026 senkte das Management zwar von 8,36 bis 8,51 auf 8,26 bis 8,41 US-Dollar je Aktie, allerdings allein wegen des kleineren Rückenwinds vom schwachen Dollar, denn währungsbereinigt bleibt es bei 7,5 bis 9,5 Prozent Gewinnwachstum. Die Aktie machte aus einem vorbörslichen Minus bis Handelsschluss ein Plus von 3,3 Prozent und beendete die Woche 2,6 Prozent über dem Kurs vor den Zahlen, nur knapp unter ihrem 52-Wochen-Hoch und gut 20 Prozent über dem Stand vom Jahresanfang.
Philip Morris verkauft außerhalb der USA Marlboro und weitere Zigarettenmarken, verdient sein Wachstum aber längst mit rauchfreien Alternativen, die inzwischen 42 Prozent der Umsätze liefern und höhere Margen abwerfen als das klassische Tabakgeschäft. Ende Juni stufte die US-Aufsicht FDA 20 ZYN-Varianten als erste Nikotinbeutel überhaupt offiziell als risikoreduzierte Produkte ein. Der Qualitätscheck untermauert die Verlässlichkeit mit einer Gewinnstabilität von 0,88 und einer seit 17 Jahren steigenden Dividende, die aktuell 3,1 Prozent Rendite abwirft, während die Gewinne laut Prognosen künftig zweistellig wachsen sollen. Wer die ethischen Fragen des Geschäfts für sich beantwortet hat, findet hier einen der verlässlichsten Dividendenzahler überhaupt.
Das faire KGV heben wir auf 22 und damit über den 10-Jahres-Schnitt an, weil das margenstärkere rauchfreie Geschäft einen strukturellen Aufschlag gegenüber dem alten Zigarettenkonzern rechtfertigt. Gemessen daran ist die Aktie mit dem aktuellen KGV von 24,1 leicht überbewertet. Wächst der Gewinn aber wie erwartet zweistellig, winken bis Ende 2029 dennoch rund 37 Prozent Rendite, beziehungsweise 9,5 Prozent pro Jahr, inklusive der Dividende in Höhe von 3,0 Prozent. Unsere Meinung trotz Kurs auf Allzeithoch: Kaufen.
3M – Die Sanierung läuft
3M hatte seine Zahlen ebenfalls am Dienstag vor Börsenstart vorgelegt und die Jahresprognose gleich über alle Kennzahlen hinweg angehoben. Die Umsätze von 6,5 Milliarden US-Dollar übertrafen die erwarteten 6,4 Milliarden, wobei das organische Wachstum von 5,4 Prozent nach mageren 1,2 Prozent im Vorquartal besonders positiv auffiel. Der bereinigte Gewinn je Aktie stieg um 11 Prozent auf 2,40 US-Dollar und ließ die prognostizierten 2,25 US-Dollar klar hinter sich, während die bereinigte operative Marge mit 24,9 Prozent einen Rekordwert erreichte. Stärkster Treiber war das Industriesegment mit 8,2 Prozent organischem Wachstum dank Elektronik, Klebstoffen und Schleifmitteln, lediglich das Konsumgeschäft schrumpfte wegen Lagerabbaus im Einzelhandel um 2,1 Prozent. Das Management hob die Gewinnprognose für 2026 von 8,50 bis 8,70 auf 8,80 bis 8,95 US-Dollar je Aktie an und erwartet statt rund 3 nun über 3,5 Prozent organisches Wachstum. Die Aktie honorierte das am Berichtstag mit einem Plus von 7,3 Prozent, bis zum Freitagsschluss summiert sich der Kursgewinn seit Vorlage der Zahlen auf 8,5 Prozent und seit Jahresbeginn auf knapp 8 Prozent.
Hinter den zunehmend starken Quartalen steht der seit Mitte 2024 amtierende Konzernchef Bill Brown, der den Mischkonzern mit zehntausenden Produkten von Post-it bis Atemschutzmaske auf Effizienz und Innovation trimmt. Die Altlasten sind gleichwohl nicht verschwunden. Für Vergleiche rund um die Ewigkeitschemikalien PFAS hat 3M bereits rund 14 Milliarden US-Dollar gezahlt und deren Produktion Ende 2025 eingestellt, die Raten aus dem 6 Milliarden schweren Gehörschutzvergleich laufen noch bis 2029, und die 2024 um mehr als die Hälfte gekürzte Dividende wächst erst seit zwei Jahren wieder. Der Qualitätscheck spiegelt die verlorene Dekade mit einer Umsatzstabilität von nur 0,27 und lange stagnierenden Gewinnen wider, erst die Prognosen ab 2026 zeigen wieder klar nach oben. Bevor 3M wieder als Qualitätsaktie durchgeht, muss Brown dieses Tempo allerdings noch einige Jahre halten.
Beim fairen KGV bleiben wir beim 10-Jahres-Schnitt von 18,1, denn einen dauerhaften Bewertungsaufschlag muss sich der Umbau erst über mehrere starke Jahre verdienen. Gemessen daran ist die Aktie nach dem Kurssprung mit dem 20,1-fachen bereinigten Gewinn bereits nicht mehr günstig. Selbst wenn Bill Brown die erhofften zweistelligen Gewinnzuwächse liefert, bleiben bis Ende 2029 nur rund 22 Prozent Rendite beziehungsweise 5,8 Prozent pro Jahr. Das ist solide, für einen Einstieg nach der Rally aber zu wenig, zumal auch die Dividende nach der Kürzung bei lediglich 1,7 Prozent liegt. Unsere Meinung: Halten.
Fazit – Hier lohnt sich das Investieren!
Die vergangene Berichtswoche bestätigt, dass die Börse derzeit gnadenlos auf die Wachstumsraten der nächsten Quartale schaut und die Qualität dahinter zur Nebensache erklärt. Genau daraus ergeben sich Chancen. Am attraktivsten erscheint mir MSCI, wo ein praktisch unverändert starkes Abo-Geschäft nach dem Kursrutsch mit gut 61 Prozent Renditepotenzial bis Ende 2028 zu haben ist. Dahinter reihen sich Intuitive Surgical und Danaher ein, zwei Qualitätsunternehmen, deren Kursstürze mehr mit enttäuschtem Erwartungsmanagement als mit dem Geschäftsmodell zu tun haben. Auch Rollins und Nestlé bieten nach ihren Abverkäufen wieder rund zweistellige jährliche Renditeaussichten, während Philip Morris als verlässlicher Dividendenzahler überzeugt, dessen rauchfreies Geschäft für eine Wachstumsbeschleunigung sorgt.
Die Finger lassen würde ich dagegen von Intel, wo selbst ein wohlwollend erhöhtes faires KGV bis Ende 2029 ein negatives Renditepotenzial ergibt, und von Tesla, dessen KI-Wette mit mageren 3,4 Prozent Renditepotenzial pro Jahr viel zu teuer bezahlt wird. Alphabet und 3M sind starke Unternehmen zu fairen, aber nicht mehr günstigen Preisen. Beim Timing gilt wie so oft, dass frische Kursstürze nicht auf einen Schlag gekauft werden müssen. Wer bei MSCI, Intuitive Surgical und Danaher gestaffelt einsteigt, nimmt weiteren Rücksetzern das Schreckenspotenzial und sichert sich dennoch die aktuellen Bewertungsabschläge.