Das Geschäftsmodell von SAP basiert auf der Bereitstellung von Softwarelösungen, mit denen Unternehmen ihre operativen Kernprozesse abbilden. In den letzten 5 Jahren hat SAP einen erfolgreichen Wandel zum Cloud- und KI-Unternehmen vollzogen. Obwohl das Unternehmen weiterhin auf Wachstumskurs ist, befindet sich der Aktienkurs seit dem Hoch im Februar 2025 auf Talfahrt und ist mittlerweile um über 50 Prozent gefallen.
Seit Februar 2025 hat die SAP Aktie satte 50 Prozent verloren
Wurde die SAP Aktie aufgrund des Drucks auf den Softwaresektor pauschal in Mitleidenschaft gezogen oder gibt es tatsächlich fundamentale Gründe dafür? Wie hat SAP sein Geschäftsmodell seit unserer letzten Analyse im August 2023 weiterentwickelt? Ist der Burggraben von SAP groß genug, um nicht von KI disruptiert zu werden? Diesen Fragen gehen wir nun in dieser Analyse nach.
Der Wandel zu einem Cloud- und KI-Player
Die von SAP entwickelte Software, insbesondere das Kernprodukt SAP S/4HANA, deckt sämtliche Geschäftsprozesse eines Unternehmens wie Buchführung, Controlling, Vertrieb, Einkauf, Produktion, Lagerhaltung, Transport und Personalwesen ab. Diese Softwareprodukte werden unter dem Begriff Enterprise Resource Planning (ERP) zusammengefasst. Der entscheidende Vorteil ist die tiefgreifende Integration. Wenn beispielsweise im Vertrieb ein Auftrag gebucht wird, erkennt das System sofort die Auswirkung auf den Lagerbestand, stößt bei Bedarf die Produktion oder den Einkauf an und verbucht in Echtzeit den Auftrag in der Buchhaltung.
SAP S/4HANA ermöglicht automatisierte Echtzeit-Geschäftsprozesse
Von Software zu Cloud
Traditionell generierte SAP-Einnahmen durch den Einmalverkauf unbefristeter Softwarelizenzen, gefolgt von jährlichen Wartungsgebühren, die in der Regel einen festen Prozentsatz des Lizenzwertes von oft rund 20 Prozent ausmachten. In den letzten Jahren hat sich dieses Modell jedoch mit dem Fokus auf die SAP S/4HANA Cloud grundlegend hin zu einem Software-as-a-Service-(SaaS)-Abo-Modell verschoben. Dabei erwerben Kunden keine Softwarelizenzen mehr, sondern abonnieren den Zugang zu den Anwendungen in der Cloud gegen eine Nutzungsgebühr. Während Lizenzverkäufe früher stark schwankten, bieten Abos für SAP durch stetig fließende, wiederkehrende Umsätze eine stabilere Einnahmequelle.
SAP entwickelt sich mit einer fortlaufenden Strategie zu einem Cloud- und KI-Unternehmen (Analystenkonferenz Mai 2025, Folie 6)
Um Unternehmen bei der Transformation in die Cloud zu unterstützen und zu beschleunigen, bietet SAP seit 2021 zwei neue ganzheitliche Angebotspakete an. Obwohl beide Programme auf das Cloud-ERP-System SAP S/4HANA abzielen, adressieren sie unterschiedliche Kundengruppen. „RISE with SAP” richtet sich primär an Bestandskunden, die oft komplexe, über Jahrzehnte gewachsene On-Premise-Systeme (wie SAP ERP 6.0/ECC) nutzen. On-Premise bezeichnet ein IT-Modell, bei dem Software und IT-Infrastruktur direkt vor Ort im eigenen Unternehmen oder in einem eigenen Rechenzentrum betrieben werden, allerdings nicht in der Cloud. Als „Business Transformation-as-a-Service“ erleichtert SAP die technologisch anspruchsvolle Migration in ein Cloud-Modell. Ergänzend dazu adressiert „GROW with SAP” vor allem den Mittelstand und schnell wachsende Neukunden. Die Idee dabei ist, kleineren Unternehmen zu ermöglichen, Cloud-ERP-Funktionalitäten schnell und mit minimalem Anpassungsaufwand durch standardisierte Best-Practice-Prozesse zu nutzen. Kundenindividuelle Anpassungen finden bei beiden Angebotspaketen über die cloudbasierte SAP Business Technology Platform (BTP) statt, um ERP-Kernsysteme für einfache Updates standardisiert zu halten.
Mit den Programmen RISE und GROW möchte SAP bestehende Kunden in die Cloud überführen und neue Kunden gewinnen (Analystenkonferenz Mai 2025, Folie 10)
Die SAP Business Technology Platform (BTP) ist somit das technologische Fundament und Bindeglied des gesamten SAP-Ökosystems, auf dem Erweiterungen, Datenanalysen und KI-Integrationen stattfinden. Durch die Entkopplung von Anwendungen und Daten ermöglicht die BTP eine modular aufgebaute ERP-Architektur, bei der Unternehmen verschiedene Module flexibler miteinander kombinieren können. In der Regel wird dabei die Cloud genutzt, um Skalierbarkeit und schnelle Updates zu ermöglichen. Jede Geschäftsfunktion ist durch die Modularität ein eigenständiger Baustein. Wenn ein Unternehmen beispielsweise ein besseres Tool für die Lagerverwaltung findet, kann es das alte Modul entfernen und das neue implementieren, ohne das gesamte ERP-System zu gefährden. Das Unternehmen kann somit schneller auf Marktveränderungen reagieren, da nicht das gesamte System über Jahre hinweg umprogrammiert werden muss.
Mithilfe der SAP Business Technology Platform können Unternehmen ihre Anwendungen erweitern, Daten analysieren und KI-Funktionen integrieren, ohne dabei den stabilen Softwarekern zu verändern (Analystenkonferenz Mai 2025, Folie 28)
KI-Integration als Wachstumstreiber
In der aktuellen Strategie für das Jahr 2026 spielt die BTP eine zentrale Rolle als Basis für die Einbettung von KI-Funktionalitäten in alle Geschäftsbereiche. SAP betrachtet Künstliche Intelligenz nicht als isoliertes Produkt, sondern als integralen Bestandteil der gesamten Anwendungsarchitektur. Das Management verfolgt eine „AI-First“-Strategie, bei der generative KI, prädiktive Intelligenz und Automatisierung tief in die Geschäftsprozesse integriert sind.
So dient der KI-Copilot „Joule” als zentrale Schnittstelle für die Interaktion mit SAP-Systemen. Er nutzt natürliche Sprache, um Nutzerabsichten zu verstehen, komplexe Datenabfragen durchzuführen und Arbeitsabläufe zu automatisieren. SAP geht mit seiner Vision für 2026 über einfache Chatbots hinaus und implementiert „Joule Agents”. Diese KI-Agenten sind darauf ausgelegt, mehrstufige Aufgaben in Bereichen wie Finanzen, Lieferketten und Personalwesen autonom zu planen und auszuführen.
SAP ist überzeugt, dass nur sie über die spezifischen Geschäftsdaten verfügen, die KI für Unternehmen wirklich nützlich machen (Analystenkonferenz Mai 2025, Folie 24)
Am 27. März 2026 wurde bekannt, dass SAP das Unternehmen Reltio übernehmen möchte. Reltio ist ein Spezialist für Master-Data-Management (MDM) in der Cloud. Die Software fungiert als intelligentes Bindeglied, das verstreute Daten (Kunden, Produkte, Lieferanten) aus verschiedenen Systemen – egal, ob von SAP, Salesforce oder Oracle – zusammenführt. Mithilfe von KI bereinigt Reltio Duplikate und erstellt in Echtzeit einen einheitlichen, fehlerfreien Datensatz. SAP stärkt damit die Fähigkeit, Daten zu verwalten, die nicht aus SAP-Anwendungen stammen. SAP-Kunden können somit ihre Datenstrategie schneller modernisieren, ohne komplexe Eigenlösungen zu benötigen. Die SAP Business Data Cloud könnte somit zur zentralen Datendrehscheibe für das gesamte Unternehmen werden.
Die Plattform von Reltio wandelt isolierte Daten aus verschiedenen Bereichen in einheitliche Profile um
Hin zum verbrauchsbasierten Preismodell
Eine der radikalsten Auswirkungen der KI auf das Geschäftsmodell von SAP ist die geplante Umstellung der Preisgestaltung. CEO Christian Klein betonte im März 2026, dass das traditionelle Modell der Mitarbeiterlizenz in einer Welt, in der KI-Agenten menschliche Aufgaben übernehmen, nicht mehr zeitgemäß ist. Wenn KI-Agenten die Produktivität massiv steigern und die Anzahl der benötigten menschlichen Nutzer reduzieren, würde ein nutzerbasiertes Modell den Wert der Software für den Anbieter verringern, während der Nutzen für die Kunden steigt. Infolgedessen plant SAP den Übergang zu einem verbrauchs- oder wertbasierten Preismodell. Dabei zahlen Kunden für die tatsächliche Nutzung der KI-Funktionalitäten oder für die durch KI erzielten Ergebnisse. Diese Verschiebung ist zwar strategisch riskant, da sie die Umsatzprognosen volatiler machen könnte, sie scheint aber notwendig, um die langfristige Monetarisierung der KI-Innovationen sicherzustellen.
Anleger haben Zweifel, ob die Software-Spezialisten von KI so stark profitieren werden wie gedacht. Das Gegenteil könnte der Fall sein. Denn inzwischen gibt es auch für das Programmieren von Softwareanwendungen Künstliche Intelligenz. Einen Teil der bisherigen menschlichen Leistung bei SAP könnte also die KI übernehmen, wodurch Personalkosten gesenkt werden können. Das könnte allerdings auch andere Unternehmen in die Lage versetzen, die gleiche Leistung wie SAP anzubieten und dies möglicherweise sogar kostengünstiger.
Das ist der Burggraben von SAP
SAP verfügt über einen der tiefsten Burggräben in der gesamten globalen Softwareindustrie. Dieser basiert auf folgenden drei zentralen Säulen:
Hohe Wechselkosten
Funktionale Prozesstiefe
Semantische Datenhoheit
Die Einführung eines SAP-Systems ist für ein Unternehmen keine rein technologische Entscheidung, sondern ein tiefgreifender Eingriff in die Organisationsstruktur. Einmal implementiert, ist das System so eng mit den täglichen Arbeitsabläufen Tausender Mitarbeiter verzahnt, dass ein Wechsel zu einem anderen Anbieter mit enormen Kosten und Risiken verbunden ist. Schätzungen zufolge können die Kosten für eine Migration von SAP ECC zu S/4HANA bei großen Konzernen bis zu 700 Millionen US-Dollar betragen und 3 Jahre in Anspruch nehmen. Diese enormen Wechselkosten erzeugen eine hohe Kundenbindung. Ein Unternehmen wird nur dann einen Wechsel in Erwägung ziehen, wenn der Leidensdruck extrem hoch ist oder der Wettbewerber einen revolutionären Vorteil bietet.
SAP verfügt zudem über jahrzehntelange Erfahrung in der Abbildung hochkomplexer Industrie-Workflows. In Branchen wie der Automobilindustrie, der Chemiebranche oder der diskreten Fertigung bietet S/4HANA eine Prozesstiefe, die Wettbewerber wie Salesforce oder Workday, die sich eher auf Front-Office- oder spezifische HCM-Funktionen spezialisiert haben, nicht erreichen. Die Integration von Produktionsplanung, Anlagenwartung und globaler Compliance in einer einzigen Suite stellt einen signifikanten Wettbewerbsvorteil für SAP dar.
Im Wettbewerb um die Vorherrschaft bei der Unternehmens-KI ist der Zugriff auf strukturierte Geschäftsdaten von entscheidender Bedeutung. SAP-Systeme bilden das Rückgrat der Weltwirtschaft, da ein großer Teil der globalen Transaktionsdaten durch SAP-Datenbanken fließt. Da SAP die Semantik dieser Daten, d. h. die Bedeutung und Beziehung der Datenfelder zueinander kontrolliert, kann das Unternehmen KI-Modelle trainieren, die kontextuell präziser sind als generische Sprachmodelle. Der „Business Data Cloud“-Ansatz ermöglicht es SAP, eine semantische Schicht über die Unternehmensdaten zu legen. Dies verstärkt den Wert des Burggrabens im KI-Zeitalter eher noch, anstatt ihn zu schwächen.
Anwendungen, Daten und KI verstärken sich gegenseitig. Je mehr Daten im System vorhanden sind, desto besser wird die KI und desto mehr Kunden nutzen die Apps. (Analystenkonferenz Mai 2025, Folie 8)
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Als Ingenieur mit über 15 Jahren Erfahrung in der Automobilindustrie und im Sondermaschinenbau in verschiedenen Engineering-Positionen ist unser Analyst unter dem Pseudonym Aktionieur mit den Trends und Herausforderungen seiner und angrenzender Branchen bestens vertraut.
Sein Expertenwissen fließt auch in die Kaufentscheidung seiner beiden Depots, die er seit 2008 systematisch ausbaut. Dabei liegt sein Fokus auf Qualitätsaktien mit modernen und teils disruptiven Geschäftsmodellen sowie ETFs.
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